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Wie Scheitern zur Unterhaltung wird – Interview mit Marco Weicholdt (FuckUp Nights Leipzig)

Das diesjährige LPRS>>Forum steht ganz im Zeichen der „Kunst des Scheiterns“ – dass diese Kunst durchaus auch unterhaltsam und lehrreich sein kann, zeigen die FuckUp Nights Leipzig. Wir sprachen mit Marco Weicholdt, Managing Director beim Basislager Coworking Space Leipzig und Veranstalter der FuckUp Night, über das Konzept, Geschichten des Scheiterns sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung von Fehlern in Deutschland.

Wie darf man den Ablauf einer FuckUp Night vorstellen?

tl_files/usercontent/Galerien/Forum/13. LPRS Forum/Interviews/DSC06089.JPGMarco Weichholdt: Pro Abend gibt es drei Geschichten, also drei Personen, die auf der Bühne stehen und über Projekte sprechen, die schief gelaufen sind. Sie erzählen von Punkten in ihrem bisherigen Werdegang, wo sie das Gefühl hatten, sie kommen da nicht weiter und sind gescheitert. Jede Geschichte geht circa zehn bis 15 Minuten mit einer anschließenden Fragerunde, wo das Publikum Rückfragen stellen, Themen vertiefen oder Verständnisfragen klären kann. Dazwischen gibt es immer zwei Pausen, um den Gästen die Möglichkeit zu geben, mit anderen ins Gespräch zu kommen und das Ganze noch einmal zu thematisieren. Interaktivität und der Netzwerkgedanke stehen also sehr im Vordergrund.

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr die FuckUp Nights auch in Leipzig veranstaltet?

tl_files/usercontent/Galerien/Forum/13. LPRS Forum/Interviews/DSC06098.JPGWeichholdt: Es gibt die FuckUp Nights als Format auf der ganzen Welt. Sie sind in Mexiko entstanden, wo sich fünf Freunde getroffen und mal nicht erzählt haben, was sie alles Großartiges geleistet haben. Stattdessen ging es darum, sich einmal gegenseitig von Misserfolgen zu erzählen. Sie haben gemerkt, dass es unfassbar befreiend ist und lehrreich zugleich. Im Falle von Misserfolgen sind das normalerweise Momente, in denen man ziemlich allein ist in seinen Entscheidungen. Dies zu reflektieren und nochmal zu durchdenken macht etwas mit einem selbst als Referent. Zeitgleich ist es meistens aber auch sehr unterhaltsam. So haben sie das Ganze wiederholt und Freunde eingeladen bis es von der einen Stadt in die nächste Stadt übergeschwappt ist. Mittlerweile gibt es die FuckUp Nights in über 250 Städten, wo sie von lokalen Veranstaltern organisiert werden. Wir als Leipziger Team haben in einem Lindenauer Atelier mit unseren Veranstaltungen angefangen und wussten am Anfang nicht so recht, wie viele Leute da wohl kommen mögen. Bei der ersten Ausgabe waren dann 80 Leute da und seitdem ist das Format stetig gewachsen, so dass zu unserer letzten Veranstaltung fast 500 Gäste kamen.

Erzählen bei euch neben Gründern auch Personen aus etablierteren Unternehmen vom Scheitern?

tl_files/usercontent/Galerien/Forum/13. LPRS Forum/Interviews/Bildschirmfoto 2018-03-22 um 18.15.51.pngWeichholdt: Wir hatten durchaus schon etabliertere Unternehmer auf der Bühne, die einfach schon länger dabei sind und Lust haben, etwas an die jüngere Generation weiterzugeben. Da gab es zum Beispiel den Vorstandsvorsitzenden der Cargolifter AG, die ein Lastenluftschiff für den Güterverkehr entwickeln wollten. Sie haben viel Geld von privaten Investoren eingesammelt und heute steht lediglich noch eine große Fertigungshalle, die das Tropical Island beheimatet. Es hat halt einfach nicht funktioniert und das in einer Größenordnung, wo auch Milliarden verschlungen wurden. Wir versuchen jedoch immer so einen Abend ausgeglichen zu gestalten. Man muss nicht immer die großen Millionen verschossen haben, um auf diese Bühne zu kommen. Die wenigsten Zuschauer können sich mit solchen Zahlen identifizieren. Es geht um Unternehmertum generell, um Leute, die bereit sind ein Risiko einzugehen, vor allem berufliches Risiko. Wir versuchen zu zeigen, dass Scheitern etwas ist, was in verschiedenen Größenstufen relevant ist und auf unterschiedlichen Ebenen stattfindet.

Wie würdest du generell die Einstellung in der deutschen Gesellschaft zum Scheitern beschreiben?

tl_files/usercontent/Galerien/Forum/13. LPRS Forum/Interviews/Bildschirmfoto 2018-03-22 um 18.14.59.pngWeichholdt: Über Sachen zu sprechen, die nicht funktioniert haben, ist hier immer noch gesellschaftlich ein großes Tabu. Jeder Lebenslauf fokussiert sich beispielsweise auf die Dinge, die gut gelaufen sind. Die Dinge, die nicht so gut gelaufen sind, lässt man weg. Aber eigentlich ist doch genau das das Spannende: Also die Momente, in denen du an deine Grenzen gekommen bist, man sieht, wie du damit umgehst und so merkt, was du für ein Mensch bist. Wir kommen alle in Krisen, in entscheidende Momente, wo wir nicht weiterwissen. Das ist der Moment, in dem wir die Chance haben, über uns hinaus zu wachsen, da wir dann nicht mehr in unserer Komfortzone sind, sondern reagieren müssen. Das ist das eigentliche, was die Stärke ausmacht – von Innovationen, von Start-Ups oder von Menschsein beziehungsweise Unternehmerdasein im Allgemeinen.

Gibt es anderswo positivere Einstellungen gegenüber dem Scheitern bzw. Fehlern an sich?

tl_files/usercontent/Galerien/Forum/13. LPRS Forum/Interviews/Bildschirmfoto 2018-03-22 um 18.20.07.pngWeichholdt:In den USA ist das Scheitern Standard. Du wirst nicht ernst genommen, bis du nicht drei Mal Pleite gegangen bist. Das Unternehmertum wird in Deutschland immer noch ganz anders wahrgenommen und das ist glaube ich auch ein Grund, warum die FuckUp Nights in Deutschland so beliebt und verbreitet sind. Es ist einfach untypisch, zum einen überhaupt im engsten Freundeskreis oder im kleinen Rahmen über unangenehme Sachen zu sprechen oder sich selber Fehler einzugestehen und zu thematisieren und zum anderen das dann auch noch öffentlich auf einer Bühne zu tun. Da braucht es definitiv Mut. Problematisch ist es, dass diejenigen, die in Deutschland Fehler gemacht haben, zu oft gebrandmarkt werden und es ihnen lange Zeit vorgehalten wird. Wenn dir das jahrelang anhaftet und jeder Angst haben muss, einen Schritt mehr zu machen als der andere, dann erstickst du jede Form von Innovation im Keim. Ich glaube die Kultur entscheidet, ob Ideen umgesetzt werden und erfolgreich sind oder eben nicht. Das ist etwas, wo in Deutschland durch diese Tabuisierung noch sehr viel Nachholbedarf besteht.

Welchen Beitrag haben die FuckUp Nights zu diesem Kulturwandel?

tl_files/usercontent/Galerien/Forum/13. LPRS Forum/Interviews/Bildschirmfoto 2018-03-22 um 18.18.09.pngWeichholdt: Im Idealfall ist es mehr als nur ein Treffen unter Gründern, sondern stößt es ein Umdenken an. Es sitzen auch Leute im Publikum, die in erster Linie wenig mit der Gründerszene zu tun haben, sondern in etablierteren Unternehmen beschäftigt sind. Sie trauen sich bestimmte Dinge nicht, weil sie davon ausgehen, dass, sofern sie etwas ausprobieren und es schiefgeht, sie für diesen Fehler bestraft werden. Wenn das jedoch die Kultur in einem Unternehmen ist, also dass man zur Rechenschaft gezogen wird für alles, was eventuell schief gehen könnte, und man deshalb keine Dinge mehr ausprobiert, dann ist man im Stillstand und Innovation tot. Der Prozess des Wandels von dem Willen, die Kultur zu verändern, bis hin zur tatsächlichen Implementierung ist jedoch ein weiter Weg und nicht von heute auf morgen getan. Wir hoffen dazu beizutragen, aber wie groß unser tatsächlicher Beitrag ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Manchmal staune ich aber selbst, wie viel unsere regelmäßigen Zuschauer aus unseren Veranstaltungen lernen und mitnehmen. Das zieht quasi eine neue Generation von Unternehmern heran und es ist schön zu sehen, wenn ein Generationswechsel stattfindet, der vielleicht dazu führt, dass Leute innovativer und Unternehmen vielleicht anders geführt werden, als noch vor 20 Jahren. 

Der LPRS e.V. bedankt sich ganz herzlich für das Interview und die spannenden Einblicke hinter die Kilissen der FuckUp Nights Leipzig. Für alle, die Lust auf mehr bekommen haben: Die nächste FuckUp Night findet am 19.04. in den Höfen am Brühl statt. Mehr Infos findet ihr hier.

Text: David Eeckhout (1. Fachsemester Master Communication Management)
Fotos Interview: Gina Cimiotti (3. Fachsemester Master Communication Management)
Fotos FuckUp Night Leipzig: 

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